Wie verbringt man so einen Brückentag? Die Wenigsten sicher damit, dass um 04:50 h der Wecker schellt, man alle Ladegeräte der Kamera vom Stecker zieht, nach dem Duschen in die tags zuvor fertig zurechtgelegte Garderobe schlüpft und pünktlich  bei

Eurowings am Köln/Bonner Flughafen eincheckt und sich auf den Weg zur „Deutschen Zentralbibliothek zu Leipzig“ (DZB) macht.  Kein Betriebsausflug, keine Kulturreise, sondern ein weiteres Kapitel des „Deutschen eBook Awards“ in der Mission „Ärmel hochkrempeln“, die Dinge „sehen“ und „begreifen“, über die wir sprechen möchten. Der Deutsche eBook Award wird nämlich im Oktober 2017 zum 4. Mal auf der Frankfurter Buchmesse in den gewohnten 3 spannenden Kategorien Fiction, Non-Fiction, Kinder und Jugend vergeben -. aber in diesem Jahr wird auch wieder ein Sonderpreis ausgelobt – „Barrierefreiheit im digitalen Literaturraum“.

Barrierefreiheit im digitalen Literaturraum – worüber reden wir denn da eigentlich genau? Aus der Reihe: Vorlesesoftware und Hörbücher, alter Hut, kennen wir doch?“ Oder über die berühmte Alexa? Alexa, tu dieses, tu jenes, Alexa, schreib mal auf, setz es auf die Liste und erinnere mich an Hundekuchen?? „So ne Alexa ist doch bestimmt für Blinde die Entdeckung schlechthin…!“ hab´ich schon im Ohr.

Oder reden wir noch über die Blindenschrift Braille – in die es übrigens nur ein Bruchteil der Literatur es schafft, übertragen zu werden?

„Ach so, ja klar, Blindenschrift … hab‘ schon mal gesehen so ein Buch – mit gestanzten Buchstaben die Blinden lesen mit den Fingern“, Überhaupt sind wir ja 80. Mio Experten auch beim Thema Barrierefreiheit, so scheint es. Jeder hat es an der Ampel schon mal klicken hören, die meisten sind mit dem Rad oder Skateboard schon die Rampen runtergebretettert, die für die Rollstuhlfahrer Zugang ermöglichen sollen. „Kann doch nicht so schwer sein, was zum Lesen zu bekommen, man bekommt doch alles …. in Büchereien, Shops, Internet…. . Bei Büchern gibt es doch auch ein VLB und neuerdings ein vlbTIX“ und außerdem gibt es ja dann noch die „Hörbücher sind viel cooler“ … „ich seh‘ da kein Problem“. Wie sagte Dieter Nuhr so schön: „Wenn man keine Ahnung hat, dann einfach mal….“

Also, Hand auf´s Herz: wie steht es wirklich um unsere Kenntnisse über den Alltag von sehbeeinträchtigen bzw. blinden Menschen in deren Leseumfeld?

 

Christina Schnelker und ich sind vom Leiter der DZB, Herrn Prof. Dr. Thomas Kahlisch eingeladen worden, die DZB zu besuchen, unsere Fragen zu stellen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennenzulernen und ihre gesamte Produktpalette zu erfassen. zu erfassen. Frau Manuela Pohle hat uns einen ganzen Tag geschenkt und alles erläutert.

Wie viele Blinde und Sehbehinderte gibt es denn eigentlich? Wie groß ist der Markt? Wer entscheidet eigentlich, was ins Programm kommt und dann in Bibliotheken erhältlich ist? ,Stellen Verlage ihre Inhalte zur Übertragung in barrierefreie Ausgaben zur Verfügung, und wenn ja – in welchem Format? Ist er Aufwand von bestehenden XML-Daten der Verlage zur Umwandlung in „navigierbare“ Inhaltsdaten hoch? Ist die DZB „die“ zentrale Bibliothek?

Um all das etwas besser einordnen zu können und die dahinter liegenden Strukturen zu verstehen, lohnt ein Blick in die Entstehung der Bibliotheken für Blinde.

Die Situation in Deutschland

Im Ersten Weltkrieg sah man sich plötzlich mit so vielen Kriegsblinden wie niemals zuvor konfrontiert. Dies lag auf der einen Seite an der Verwendung von Kampfgas, vor allem aber auch an der neuartigen Kriegsführung in diesem Krieg. Es wurde zum ersten Mal aus Schützengräben gekämpft. Dabei befanden sich die Soldaten in liegender Stellung mit erhobenem Kopf, so dass der Kopf des Gegners zum einzig möglichen Ziel wurde. Zusätzlich wurden auch noch Minen, Handgranaten und stark splitternde Geschosse verwendet. Es kam also zu deutlich mehr Schädel- und folglich auch Augenverletzungen als früher. Die Schützengräben selbst verursachten noch ein weiteres Problem: Die meist mit Erregern verseuchte Erde konnte durch den direkten Kontakt mit den Augen zu Entzündungen und auch zum Erblinden führen. Eine weitere wichtige Ursache waren Selbstmordversuche und Methylalkoholvergiftungen. Wegen all dieser Gründe

waren nach dem Ersten Weltkrieg 3 500 Kriegsblinde zu beklagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es insgesamt 11 000.

Das hatte zur Folge, dass es nun eine sehr große Anzahl besonders junger blinder Menschen gab. Diese konnten in das bestehende System, das hauptsächlich aus der Unterbringung und Einbindung in Berufe wie Besenbinder bestand, nicht mehr sinnvoll eingebunden werden. Sie wollten ihre Ausbildung abschließen, Studieren oder in ihre vorherigen Berufe zurückkehren. Also wurden viele Einrichtungen gegründet, darunter auch Bibliotheken. Von Seite der Regierung wurde aber sehr wenig unternommen. Es gab nie eine zentrale Stelle, die sich für die Einrichtung von Blindenbibliotheken verantwortlich sah. Es waren vielmehr einzelne Organisationen oder sogar einzelne Personen, die diesen Menschen helfen wollten und aus diesem Grund die im Folgenden beschriebenen Einrichtungen gründeten.  IMG_0776.JPG

Und das ist bis heute so geblieben! (Quelle: Bachelorarbeit von Helga Thum im Studiengang Bibliotheks- und Informationsmanagement der Hochschule der Medien Stuttgart))

 

Gerade durch diese Gegebenheit lässt es sich auch erklären, dass diese Einrichtungen meist vollständig von den normalen Öffentlichen Bibliotheken abgetrennt sind. Die DZB ist also nicht die Zentrale Bibliothek, sondern fand ihre Namensgebung dadurch, dass Leipzig geografisch “zentral” in Deutschland lag.

 

Seit Anfang 2008 gibt es jetzt auch einen gemeinsamen Katalog, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle Medien für Blinde und Sehbehinderte nachzuweisen. Dieser Katalog wird von der Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e.V. (Medibus) angeboten, im übertragenen Sinn so etwas, wie das VLB bei “normalen” Büchern. IMG_0716

Die Punktschrift

Die Punktschrift, nach ihrem Erfinder Louis Braille auch Brailleschrift genannt, ist bis heute die Schrift für blinde Menschen, die sich am besten bewährt hat.

Louis Braille (1809-1852) erblindete selbst im Alter von ungefähr 5 Jahren. Er hatte die Möglichkeit, eine Blindenschule zu besuchen und war ein sehr begabter Schüler.

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(Photo: Der stellvertretende Direktor der DZB, Herr Nitschke vor der einer Tafel des Blindenschrift Alphabets)

Das Grundmuster der Brailleschrift besteht aus 6 erhabenen Punkten, die wie die „Sechs“ eines Würfels angeordnet sind. Durch Weglassen einzelner Punkte entstehen bis zu 64 Zeichen, die den einzelnen Buchstaben und Zeichen zugeordnet werden. Außerdem gibt es auch noch die so genannte Kurzschrift, bei der mit einem Zeichen Buchstabenkombinationen, Silben oder sogar ganze Worte dargestellt werden.

Der Vorteil dieser Art des Schreibens für Blinde liegt in der guten Lesbarkeit. Die sechs Punkte sind zusammen nur so groß, dass sie mit einer Fingerspitze erkannt werden können. Außerdem ist das System auch leicht zu erlernen. Mit einer Braille-Schreibmaschine können ungefähr 20 Worte pro Minute geschrieben werden.

Ein Problem dieser Schrift ist nur ihr großer Platzbedarf. Er beträgt das ca. 40 bis 80fache eines normalen Buches.

Aber zurück zu unserem Besichtigung der DZB. Auf dem ersten Blick findet man organisatorisch und auch auf Prozessseite keine Unterschiede zu einem klassischen Medienbetrieb oder Medienhaus.

Datenerfassung, Qualitätskontrolle, Lektorat, Datenfreigabe, Ausstattung, Druck, Bindung, Versand … Ausleihe …. Die Bilder sprechen für sich …

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Sinnliche Bücher, Buchproduktion, Datenstrukturierung, XML, Tonstudio, Schauspieler und Sprecher, Blinde- und Sehende Mitarbeiter aus unterschiedlichen Berufen, erarbeiten angepasste Arbeits- und Datenprozesse zu Erstellung unterschiedlicher Medien die sich an blinde und behinderte Menschen richten und Zugang für Ausbildung, Kultur, Lesen & Schreiben und Teilnahme an gesellschaftlicher Teilhabe richten.

DAISY

DAISY ist eine Abkürzung für „Digital Accessible Information System“. Es handelt sich dabei um CDs, auf denen die Audio-Dateien im mp3-Format gespeichert werden. Dadurch passen auf eine DAISY-CD bis zu 40 Stunden. Bei einer normalen CD sind es dagegen nur 80 min. Es ist mit diesen Hörbüchern mach- bar, einzelne Kapitel anzuwählen. Seiten- oder sogar Satzsuchen sind in manchen Büchern möglich. Außerdem können verschiedene Hierarchiestufen an- gesprungen und der gesamte Text digital dazu gespeichert werden. Welche dieser Möglichkeiten beim einzelnen Daisybuch tatsächlich verwirklicht werden, liegt sehr an der Art des Buches. Bei Lexika oder Kochbüchern ist eine starke Hierarchiebildung sehr sinnvoll. Bei Unterhaltungsliteratur ist dies eher nicht nötig.34

Die Hörbücher können auf einem CD-Player, der mp3-Dateien abspielen kann, angehört werden. Auch ein normaler mp3-Player ist geeignet. Bei diesen bei- den Möglichkeiten können jedoch nur die reinen Audio-Dateien angehört wer- den. Um die anderen Vorteile von DAISY-CDs zu nutzen, wird ein spezieller DAISY-Player benötigt. Dies kann entweder ein eigenes Gerät oder eine Play- er-Software für den Computer sein. Diese Software wird von der DZB Leipzig kostenlos angeboten und kann auf deren Webseite herunter geladen werden.

Fazit

Noch mal zurück zu Alexa, ob „Sie“ der Durchbruch zu sein scheint für Barrierefreiheit, so muss man aus den Gesprächen erkennen,  das es eine

Koexistenz von Braille und digitalen Barrierefreien „Tools“ zu Gewerkstellung der Alltagssituation

gibt.

Es gibt aber viele „digitale Helfer“ sowie die VoiceOver-Funktion auf Smartphones, die sich unter den Einstellungen unter Bedienungshilfen versteckt und mit der man über Gestensteuerung ein Smartphone „blind“ bedienen kann.

Erkennbar bleiben die unterschiedlichen Organisationsstrukturen im Vertrieb, Ausleihe und Distribution von Inhalten für Blinde und Sehbehinderte. Ist in der Buchbranche alles hochorganisiert, Lobbyisten angereichert, und hat seinen Platz im Branchenbetrieb(Medien Akademien, VLB, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Arbeitskreise, Lesezirkel, Veranstaltungen, Lesungen, Autorentreffen,….) so sind Mensch mit einer Sehbehinderung „doppelt“ beeinträchtigt.  Die Erstellung und Zugänglichmachung für Literatur für Sehbehinderte sind nur ein Bruchteil von dem, was „wir“ sehenden  an Möglichkeiten haben. An der reinen Technik und Datenaufbereitung liegt es sicher nicht.

Und darum sind wir umso mehr gespannt, welche vielfältigen Einreichungen es für den Sonderpreis „Barierefreiheit im digitalen Literaturraum“ geben wird und welchen Gewinner/innen wir am 12.10.2017, 12:00 h Halle 4.1, Stand Stiftung Buchkunst vorstellen werden. 

Geschrieben von Demirdöven

Seit über 15 Jahren in der Medienwelt verwurzelt. Die inhaltlichen Felder gehen von Archiv, Recherche, TV-Dokumentation über Content, Content, Content… verknüpft mit Technik und der Administration von Datenbanken, CMS – und PIM Systemen. HTML und XML-Spitzklammern im Köcher bewege ich mich in der sich rasend schnell verändernden Welt digitaler Kommunikation und Publikation. Projektmanagement, Prozessoptimierungen, digitale Produktentwicklung (XML, E-Books, Apps, Online). Social Media Experte und Blogger, leidenschaftlicher Fotograph. Als Brückenkopf zwischen etabliertem Verlagswesen und digitaler Online Publishing Welt brenne ich dafür, Dolmetscher von Anforderungen zu sein, die hinter zukunftsträchtigen Ideen stehen. Ich stehe für Austausch zu medienneutralen Publikationsprozessen, Entscheider mit digitaler-Nerd-Kompetenz, Co-Querdenker, grenzüberschreitend die „Secret Silicon Valley Community“, aber auch die Ärmelhochkrempler der Branche. Eine Mentalität des auf den Punkt bringen, nicht der wolkigen Ansprachen. Quer – und innovatives Denken, dabei immer an Service und Praxis orientiert. Expertisen in: ePublishing/ Projektmanagement / infrastrukturellen Verlagsprozessen / E-Book Business Development / und Produktionsumsetzung in den Bereichen Belletristik, Bildungsmedien, Film – und TV Produktion / Single Source Publishing / medienneutrale Produktion (XML) / DTD / Systemadministration / Content Management. Inner Circle Know in allen Social Media. Organisator von „Book´n Pub“, Speaker, Session Leiter, Referent, Gastdozent an Unis und/oder Akademien. Engagement für „Award Start Ups”. Organisator des Deutschen eBook Award und Mitglied der Jury von 2014-2015 [www.deutscher-eBook-Award.de] #eBookAward

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